Schreibübung 1: 15 Minuten

Die Aufgabe:

Auf der Wiese, ungefähr 5 Meter westlich der Lichtung, nehme ich Gestalt an. Verwede diesen Satz als Startsatz und schreibe 15 Minuten lang, wie die Geschichte weiter geht.

Das Resultat:

Auf der Wiese, ungefähr 5 Meter westlich der Lichtung, nehme ich Gestalt an. Ich schlüpfe wieder in mein altes Ich. Dieses Ich, das alle meine Freunde kennen. Fünf, um genau zu sein. Ich kann sie an einer Hand abzählen. Fünf. Ich habe schon mein halbes Leben hinter mir und nur gerade fünf Menschen schämen sich nicht, mit mir gesehen zu werden. Eine traurige Bilanz. Dieses Ich, das ich eigentlich so gar nicht mag. Ich bin nicht so, wie alle denken. Eigentlich bin ich ganz anders. Ich bin nicht hässlich, ich bin kein Monster. Ich bin liebeswürdig und hübsch. Hübsch, auf meine ganz eigene Art und Weise. Ich habe zum Beispiel wunderschöne Hände. Weiche Haut und schlanke Finger.

Meine täglichen Ausflüge in den nahegelegenen Wald geben mir Kraft und Mut. Nur dort, zwischen den grossen dicken Bäumen, fühle ich mich wohl. Geborgen und beschützt. Die Bäume schützen mich vor den neugierigen Blicken, die mich tagtäglich durch mein einsames Leben begleiten. Es interessiert sie nicht, wie ich aussehe. Sie sehen das Leuchten in meinen Augen. Die schönen Hände. Nicht die hässliche Narbe, die sich quer über meine Stirn bis hinunter zu meinem rechten Ohr zieht. Dick und hässlich. Genau wie er. Er allein trägt die Schuld daran, dass ich heute so aussehe. Niemals werde ich ihn je vergessen. Wie oft habe ich mich schon gefragt, was wäre wenn? Was wäre, wenn meine Mutter sich nicht in ihn verliebt hätte? Was wäre, wenn ich nie geboren worden wäre? Was wäre, wenn er ein anderes Opfer gefunden hätte? Ich kann die Dinge drehen und wenden wie ich will, es gibt kein was wäre wenn. Ich muss mich endlich damit abfinden, dass er immer ein Teil meines Lebens sein wird. Selbst jetzt, wo er weg ist. Für immer weg ist. Selbst jetzt verfolgt er mich in meine Träume und lässt mich schwitzen, schreien und weinen.

Zum Glück gibt es Lea. Sie gehört zu diesen fünf Personen, die sich mit mir blicken lassen, ohne drei Meter vor mir zu gehen. Sie nimmt mich so, wie ich bin. Sie findet meine Hände schön. Ohne Lea wäre ich heute nicht mehr hier. Das weiss ich genau. Sie ist nie zur falschen Zeit am falschen Ort. Sie kam, als ich sie am meisten brauchte. Und sie ist geblieben. Bis jetzt. Ich liebe sie. Auf meine ganz eigene Art und Weise.

Über mir ziehen dunkle Wolken auf. Es beginnt zu regnen. Dicke Tropfen streichen über mein Gesicht, als wäre es normal. Nicht hässlich, nicht furchteinflössend. Nein, einfach schön und makellos. Wie die meisten Gesichter sind. Ich liebe den Regen. Wir haben Gemeinsamkeiten. Wenn er auftaucht, flüchten die Menschen vor ihm. Bringen sich in Sicherheit. Laufen weg. Vor ihm. Wie auch vor mir.