Machtlos, aber nicht ohnmächtig

Heinrich Böll (1917-1985), deutscher Schriftsteller, sagte einst:

Wir sind machtlos, wir Autoren, aber ohnmächtig sind wir nicht.

Heute ist mein freier Tag. Ein Tag zum Ausschlafen, gemütlich frühstücken und Zeitung lesen. Dann vielleicht noch eine Freundin zum Kaffee treffen und ein kurzes Lauftraining absolvieren. Ja, so hätte mein freier Tag ungefähr aussehen sollen.

Das Problem ist, ich bin Autorin. Ich schreibe jeden Tag. Manchmal nur ein paar Sätze, manchmal ganze Kapitel. Normale, langweilige Tage gibt es nicht. Wie Heinrich Böll sagte, wir sind machtlos.

So wache ich um vier Uhr morgens auf, Stunden vor dem Klingeln meines Weckers, den ich heute zwecks ausschlafen nicht gestellt hatte. Viel zu früh. Ich wehre mich dagegen. Drehe mich von meiner rechten Seite zur linken und wieder zurück. Meine Gedanken sind lauter als jeder Wecker. Ich will weiterschlafen, ausschlafen. Aber ein innerer Drang zwingt mich dazu, schlaftrunken zum Schreibtisch zu schlurfen, meinen Laptop einzuschalten und zu schreiben.

Zoe, die Protagonistin meines neuen Romans, lebt gerade auf der Schattenseite ihres Lebens. Und das lässt sie mich spüren. Nächtelang. Ich helfe ihr, wieder auf die Beine zu kommen. Auf dem Papier. Schulter an Schulter stehen wir unten am Berg. Mühsam quälen wir uns die steile Strecke hoch, die letzten paar Meter ziehe ich sie fast hinter mir her. Oben angekommen, atmen wir durch. Ich blicke auf die Uhr. Sechs Uhr. Gut, denke ich, Job erledigt. Jetzt wieder hinlegen und das tun, was andere an ihrem freien Tag auch tun würden – Ausschlafen.

Ich kehre meinem Laptop den Rücken zu und schaue sehnsüchtig zur Schlafzimmertür. Dort drinnen steht es, das warme Bett. Seufzend drehe ich mich wieder um und schreibe weiter. Zoe fühlt sich noch nicht gut genug. Sie braucht mich immer noch. Also schreibe ich weiter, bin für sie da, gebe ihr Tipps. Irgendwann sind die guten Ratschläge ausgeschöpft. Zoe braucht professionelle Hilfe. Ich schicke sie zum Psychiater. Die Stunden verstreichen wie im Flug. Zoe liegt auf der Couch des Psychiaters und ich halte dabei ihre Hand. Stundenlang. Als wir uns endlich von Dr. Weinert verabschieden, ist bereits die Nacht angebrochen. Vorbei ist ein Tag voller Höhen und Tiefen. Vorbei ist mein freier Tag.

Morgen klingelt wieder der Wecker. Ob Zoe diesen Tag ohne mich übersteht? Wird sie nicht, da bin ich mir sicher. Wenn nicht schon in der Mittagspause, wird sie mich spätestens nach Feierabend zu sich rufen und mich um Hilfe bitten. Und ich werde ihr helfen, wie jeden Tag. Ich bin machtlos. Vielleicht hat sie sich in den schönen Therapeuten mit Dackelblick verliebt? Oder sie kämpft mal wieder mit ihrer zermürbenden Einsamkeit? Ich weiss es nicht. Noch nicht.