Herr der Gedanken

writingSchlaflosigkeit und Tagträumerei sind nur zwei von zig Nebenwirkungen, die ein Schreibsüchtiger ertragen muss. Immer sind sie da und heischen nach Aufmerksamkeit – die Eingebungen, die kreativen Geistesblitze, die wirren Gedanken. Gedankenlos sind sie fast nie, die Schreibenden.

Werden die Gedanken dann aufmüpfig und zu laut, muss man sie aus dem Käfig lassen. Zu Papier bringen, auf ein Band sprechen, aufzeichnen – egal wie, Hauptsache raus, weg damit.

Meine Gedanken sind unfaire Spielgenossen. Sie piesacken mich immer dann, wenn sie ganz bestimmt nicht an der Reihe sind. Zum Beispiel dann, wenn ich es mir gerade mit einem Buch oder meinem Kindle gemütlich gemacht habe und abschalten will. Jahrelang haben sie gestichelt, mich geplagt und bedrängt. Bis ich mich irgendwann auf die Hinterbeine stellte und ihnen den Kampf ansagte. So nicht mit mir! Ich begann sie auszuspionieren, sie kennenzulernen, ihnen zuzuhören. So wurde ich Herr meiner ungezogenen, nach Aufmerksamkeit heischenden Gedanken. Und: Ich wurde multitaskingfähig.

Die Lösung sieht folgendermassen aus: Ich lese. Manchmal nur eine Seite, manchmal ganze zehn oder sogar noch mehr. Dann, wenn die Meuterei zu laut und die Ablenkung zu gross wird, schreibe ich. Das, was mir gerade in den Sinn kommt. Das, was mich nicht mehr in Ruhe lassen will. Manchmal einzelne Sätze, manchmal ganze Seiten. Sobald die Wogen geglättet sind, die Ruhe in meinen Kopf zurückgekehrt ist, lese ich weiter.
Oftmals mache ich auch beides gleichzeitig. Mit der linken Hand halte ich das Buch oder den Kindle, mit der rechten den Kugelschreiber. Klappt in der Zwischenzeit ganz gut. Zugegeben, die Umsetzung meines pedantischen Plans ist nicht ganz einfach. Aber Übung macht ja bekanntlich den Meister.