Fluch oder Segen?

keep it simpleAktuell beschäftige ich mich (vielleicht etwas zu oft) mit der Tatsache, dass wir – und damit meine ich alle, die heute und hier in dieser Welt leben – abhängig sind. Abhängig von der ständigen Erreichbarkeit. Abhängig von Unabkömmlichkeit. Abhängig von Technik und sozialen Netzwerken. Abhängig von Trends und Schönheitsidealen. Abhängig von Zwängen und vermeintlichen Notwendigkeiten.

Ein einziger Tag ohne Handy – für viele unvorstellbar. Wir können keine Telefonnummern mehr auswendig und kennen Geburtstage nur noch dank Facebook, Xing und anderen Portalen. Wir schreiben keine Briefe mehr und können uns deshalb immer weniger gut ausdrücken. Liebe Grüsse werden zu lg, hab dich lieb zu hdl. Für alles gibt es Abkürzungen. Wie soll man da noch die Rechtschreibung beherrschen?

Die Kinder haben Angst vor der Natur – Wälder, Wasser und Berge sind ihnen fremd. Dafür können sie die Titelmelodie jeder einzelnen Fernsehsendung auswendig mitsingen.

Wären all die berühmten und längst verstorbenen Maler und Schriftsteller jemals bekannt geworden, wenn ihre Bilder auf einem Tablet und ihre Schriftstücke auf dem PC entstanden und abgelegt worden wären? Hätte man sie überhaupt gefunden? Man hätte nach deren Tod vielleicht einen Laptop gefunden, das Passwort nicht gekannt und das Gerät ohne weitere Beachtung entsorgt. Eines ist für mich klar – ich werde wieder Tagebuch schreiben. So richtig, wie damals in der Schule. Mit Papier und Stift. Vielleicht sogar in ein kleines Buch mit diesem leicht knackbaren (ich spreche da aus Erfahrung…) Schloss. Wie früher eben. Wer weiss, was mit meinen Notizen passiert, wenn ich mal nicht mehr bin…

Ja, diese Entwicklung und vor allem die zunehmende Lethargie der Menschheit finde ich erschreckend. Und es überfordert mich. Wenn ich zurück denke, kann ich mich kaum mehr daran erinnern, wie wir früher – ohne Handys, PC’s und alle anderen technischen Hilfsmitteln – gelebt, ja fast schon überlebt, haben.
Wie konnten wir früher mitteilen, wenn wir uns zu einem Treffen verspäteten? Gar nicht! Was bedeutete, dass man sich so oft wie möglich bemühte, rechtzeitig zu sein. Heute schreibt man eine WhatsApp-Nachricht und alles ist vergessen. Dass sich die wartende Person auch heute noch über Pünktlichkeit freuen würde, interessiert niemanden mehr. Wie verbrachte man früher die Wartezeit am Bahnhof oder an der Bushaltestelle? Man kommunizierte. Persönlich, mit dem Mund und mit den Stimmbändern, die eigens dafür geschaffen wurde. Manchmal auch mit Händen und Füssen. Heute herrscht Totenstille. Alle starren auf ihre Displays, die Kopfhörer in oder auf den Ohren. Uns ist nicht bewusst, wie viel wir dadurch verpassen. Die blühenden Blumen am Wegrand. Die lachenden Kleinkinder in ihren Kinderwagen. Oder ganz einfach gesagt: Die amüsanten Geschichten, die das (reale) Leben zu bieten hat.

Wäre das Leben ein Wunschkonzert, würde ich mir die Technik von heute gemischt mit dem Sozialverhalten von früher wünschen. Wunschkonzerte sind Wunschdenken. Deshalb bemühe ich mich selber darum, meinem Handy und der virtuellen Welt weniger und dem realen Leben wieder etwas mehr Beachtung zu schenken.